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18
05
2016
Entscheidungen treffen

Warum Dein Verstand keine Entscheidung treffen kann

von Bianca 0

Du hast einen Verstand, und den nutzt Du, um jede wichtige Entscheidung treffen zu können?

Du gestaltest Dein Leben weitestgehend – im Rahmen Deiner Möglichkeiten – bewusst und frei? Ich möchte Dir nicht zu nahe treten, aber ich bezweifle das. Nicht, dass Du einen Verstand hast natürlich, das steht außer Frage! Aber dass Du damit alle wichtigen Entscheidungen triffst, das ist nicht ganz so selbstverständlich, wie Du möglicherweise denkst. Womit wir beim Thema wären – Denken. Wir alle denken ziemlich viel nach. Wählen den Job, der gute Aussichten mit sich bringt, entscheiden, was wir kaufen und was nicht, wo wir wohnen möchten, welches Auto wir fahren, in welcher Farbe wir unsere Wände streichen.

Für all diese Entscheidungen nutzen wir bewusst unseren Verstand, der die beste Alternative für uns auswählt. Denken wir zumindest.

Wir haben es alle gelernt: Die wirklich wichtigen, weitreichenden Entscheidungen müssen fundiert und logisch sein. ABER SIND SIE DAS AUCH? Es gibt unzählige Seminare, die Dir nahebringen können, wie Du Entscheidungen klug, clever und schnell treffen kannst. Vornehmlich sitzen in den ersten Reihen jene Menschen, die von sich selbst behaupten, sich nur schwer entscheiden zu können oder jene, die noch rationaler und noch effizienter entscheiden möchten.

Immer wieder beliebt ist der Rat, alle Möglichkeiten gedanklich durchzuspielen und dann mit dem Verstand die klügste Alternative zu wählen. Aber, unter uns: Funktioniert das bei Dir tatsächlich so einfach?

Wenn Du Dich nur entscheiden musst zwischen zwei verschiedenen Sockenpaaren oder dem Fruchtgeschmack für Deinen Joghurt des Tages, ist das natürlich leicht. Wenn Du entscheiden musst, ob Du für Deinen Traumjob nach Neuseeland auswanderst oder auch nur in eine andere Stadt ziehst und dafür Freunde, Lebenspartner und Familie zurücklässt oder nicht, sieht die Sache meist schon anders aus, richtig? Je tiefgreifender die Entscheidung, desto schlimmer.

Die Qual der Wahl kennt nur der Verstand. Entscheidung treffen Fehlanzeige …

Dein Verstand legt jetzt los. Er ist ganz in seinem Element. Für und Wieder werden abgewogen, alle Plus- und Minuspunkte für alle Alternativen gegeneinander aufgerechnet. Es wird recherchiert, was das Zeug hält. Um Rat gebeten. Letztendlich spielst Du die Konsequenz jeder Entscheidung für das Eine oder das Andere durch und prüfst, womit Du besser fährst. Im Idealfall ist das Ergebnis so eindeutig, dass die Entscheidung wie von selbst fällt. Im schlimmsten Fall jedoch kommst Du auf keinen grünen Zweig. Du überlegst hin und her. Liegst nachts wach. Grübelst. Zupfst Gänseblümchen die Blüten aus – soll ich, soll ich nicht, soll ich? Eigentlich ist der Verstand hier natürlich schon längst am Ende mit seinem Latein. Sogar beste Freunde können das ewige: „Ich-weiß-nicht-was-ich-tun-soll!“ nicht mehr hören und verdrehen nur noch die Augen.

Wer ist der Boss im Dilemma der Entscheidungen?

Was passiert da?

Eigentlich ist es ganz einfach. Dein Verstand KANN überhaupt nicht entscheiden. Er ist schlichtweg nicht in der Lage dazu und befugt obendrein auch nicht.

Der Hirnforscher Prof. D. Dr. Gerhard Roth beschreibt es in seinem Buch „Fühlen, Denken, Handeln“ sehr anschaulich: Der Verstand ist nichts anderes als ein Beraterstab, der für die Vorbereitung der Entscheidung zuständig ist. Die Entscheidung TREFFEN wird aber der Boss. Und das ist – Vorhang auf – das Erfahrungsgedächtnis. Das ist zu großen Teilen unbewusst. Hier ist alles abgespeichert, was Du je an Erfahrungen gesammelt hast und wie es sich ANGEFÜHLT hat. Es gab Erfahrungen, die Du bewusst oder unbewusst mit einem guten Gefühl verbindest. Und solche, die noch heute ein diffuses Unwohlsein verursachen.

Das Erfahrungsgedächtnis nimmt nun die Theorien und Voraussagen, die der Verstand über diese und jene Alternative aufgestellt hat und jetzt kommt es nur noch auf eines an: Darauf, was davon sich wahrscheinlich am Besten anfühlen wird.

Du hältst es für logisch. Trotz allem.

Im Ernst? Da hat der Verstand die Wahrscheinlichkeiten auf sechs Nachkommastellen genau analysiert und jetzt ist entscheidend, was sich am Besten ANFÜHLT? Ja, tatsächlich. Wenn die vorausgesagte Konsequenz einer Entscheidungsalternative angenehme Assoziationen zu ähnlichen Vorerfahrungen hervorruft, dann steigen die Chancen dafür, dass sie das Rennen macht, ganz erheblich. Wenn nicht, dann fliegt sie ganz schnell raus aus dem bunten Topf der potenziellen Möglichkeiten. Warum? Auch hier ist es ähnlich wie in „Wie Dein Gehirn verhindert, dass Du Chancen ergreifst“ schon angesprochen: Du musst überleben. Der Selbsterhaltungstrieb ist durchaus wörtlich zu nehmen.

Überleben kannst Du am Besten, wenn du Dich keiner großen Gefahr aussetzt. Und Deine Erfahrungen helfen ganz ungemein dabei, Gefahr zu vermeiden!

Sind die mit den Vorerfahrungen verbundenen Emotionen gut, dann los. Sind sie eher negativ besetzt, dann zögerst Du. Am Ende siegt die Entscheidungsalternative, die von Deinem Erfahrungsgedächtnis am positivsten bewertet wurde – auf Basis von EMOTIONEN. Du bekommst das bewusst meist gar nicht mit.

Am Ende glauben wir alle, wir hätten allein mit dem Verstand eine gute Entscheidung getroffen. Und selbst, wenn die Entscheidung sich irgendwie nicht ganz rund anfühlt, argumentiert der Verstand sie nachträglich zurecht.

Er rechtfertigt sie vor uns selbst und vor anderen. Wir glauben, dass wir wirklich ganz unbeeinflusst entschieden hätten und somit ist es UNSERE Entscheidung, wir stehen dazu und fühlen uns autonom. Auch wenn sich im Kopf dabei Dinge abspielen, die wir nicht vermutet hätten.

Das Tor klappt runter

Besonders anschaulich wird das bei Entscheidungen, bei denen Du eigentlich erst einmal ein „gutes Gefühl“ bezüglich einer Alternative hast. Dein Auto steht vollgetankt in der Garage, um Dich auf DEINEN Weg zu bringen. Die Koffer sind sozusagen gepackt und im Kofferraum verstaut, Du steigst ein und willst gerade aus der Garage fahren. Auf einmal erhältst Du noch eine kleine, eigentlich ziemlich irrelevante Information, die sich nicht einmal wirklich auf Dein Vorhaben – Deine Reiseroute – auswirken würde. Aber in Deinem Kopf entstehen auf einmal – in Sekundenbruchteilen – Assoziationen, die sich negativ anfühlen. Plötzlich fühlt sich das alles „irgendwie falsch“ an, ohne dass Du sagen könntest, warum. Und ehe Du Dich versiehst, brettert das Garagentor rasant und krachend vor Dir ins Schloß zurück, bevor Du aus der Garage raus bist. Der Weg, den Du gerade noch fest im Blick hattest, ist verriegelt. Da ist kein Durchkommen mehr. Was ist passiert? Diese eine kleine Zusatzinformation hat irgendetwas in Deinem Erfahrungsgedächtnis angesprochen, was es dazu brachte, Alarm zu schlagen. Und in diesem Moment können alle Argumente Deines Verstandes zusammen das Garagentor nicht mehr öffnen.

Bist Du Dir schon selbst treu oder noch Sklave Deiner Erfahrungen?

Was bedeutet das nun? Vor allem bedeutet es eines: Niemand kann wirklich von sich behaupten, Entscheidungen stets mit kühlem Sachverstand zu treffen.

Entscheidungen brauchen Emotionen, um getroffen werden zu können. Diese Emotionen sind oft unbewusst, sodass Du gar nicht bemerkst, dass Du da innerlich von etwas beeinflusst wirst, was mit reiner Logik gar nichts zu tun hat.

Nennen wir es Bauchgefühl, auch wenn es natürlich trotzdem im Gehirn erzeugt wird. Würdest Du es komplett ignorieren (was einige Menschen durchaus versuchen), würdest Du bis in alle Ewigkeit zwischen zwei Alternativen festhängen. Aufs Bauchgefühl zu hören ist also etwas Natürliches, was wir gar nicht wirklich kontrollieren können. Denn sogar die Alternativen, die wir mit dem Verstand durchleuchten, sind nur die Alternativen, die unser Erfahrungsgedächtnis uns wahrnehmen liess. Andere erkennen wir gar nicht erst, obwohl sie meist durchaus vorhanden sind. (Ja, auch unsere Wahrnehmung unterliegt dem gleichen Prinzip, aber das ist eine Geschichte für sich.) Es bedeutet aber auch, dass all unsere Entscheidungen sich irgendwie ähneln, da sie sich ja auf das ganz individuelle Erfahrungswissen beziehen. Du bleibst Deiner Vorgehensweise treu. Man könnte auch sagen, Du bleibst Dir selbst treu. Das klingt erst einmal richtig gut. Die Frage ist nur, ob das auch immer richtig gut IST. Wenn Du Dir nur deshalb selbst treu bleibst, weil Du diese und jene Erfahrung gemacht hast und Dich das nun – unbewusst (also egal, ob Du willst oder nicht) – ein Leben lang beeinflusst, klingt das schon weniger gut. Sklave der eigenen Erfahrungen und Erinnerungen, wer möchte das schon sein?

Das Bauchgefühl ist ein scharfes Messer: Extrem Hilfreich, aber nicht ohne Gefahr.

Du musst hinterfragen. Immer wieder. In Dich hinein spüren. Hinterfragen, ob der Alarm, der da gerade los dröhnt, berechtigt ist oder ob es sich nur um einen nervösen Fehlalarm handelt. Das wiederum kannst Du ganz gut mit dem Verstand analysieren. Es gibt durchaus Möglichkeiten, sich mit diesen inneren Prozessen auseinanderzusetzen. Eines jedenfalls ist klar: Es gibt keine reinen, völlig emotionslosen Kopfentscheidungen. Deine Emotionen sind immer mit an Bord, und sei es als blinde Passagiere. Und das ist gut so! Denn es macht Dein Leben sicherer, lässt Dich im Einklang mit Dir selbst handeln, lässt Dich Entscheidungen schneller treffen (auch wenn der Verstand das dann noch lange nicht wahrhaben will), gibt Dir ein gutes Gefühl und macht Dich menschlich. Aber Emotionen können – weil sie so unglaublich mächtig und dazu noch oft unbewusst sind – Dir auch  einen gehörigen Streich spielen. Und am Ende nimmst Du dann nur deshalb den Job in Neuseeland nicht an, weil Du dort als Kind im Urlaub mal eine unerfreuliche Begegnung mit einer kulinarischen Spezialität hattest und Du seitdem bei dem bloßen Landesnamen stets ein diffuses Ziehen im Magen verspürst. Kein wirkliches Argument, oder? Mein Blinddarm ist an einem Freitag, den 13. geplatzt. Und obwohl ich nie abergläubisch war, habe ich an den ersten Freitagen danach, die auf solch ein Datum fielen, meinen Bauch mit Argwohn beobachtet – und das, obwohl ich nicht einmal mehr einen Blinddarm hatte, der noch hätte platzen können.

Aber so kann es gehen. Emotionen und ihre Assoziationen sind mächtig. Deshalb ist es so wichtig, sie nicht zu ignorieren, sondern sie zu echten Verbündeten zu machen. Sie ernst zu nehmen. Auf sie zu hören. Aber auch, sie zu hinterfragen.

Bianca

Autor: Bianca

Hi, ich bin Bianca und freue mich, dass Du hier bist. Bereits seit 2012 schreibe ich hier für Dich. Meine Themen sind Selbstverwirklichung, Selbstständigkeit & Marketing/ Positionierung für Solopreneure und kleine Teams. Aber auch gesunde Ernährung ist meine große Leidenschaft. Deshalb schreibe ich auch auf meinem Ernährungsblog Caralethics.de darüber.

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