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22
01
2016

Eines Tages werden wir tot sein. Vorher sollten wir leben. Nur Mut.

von Bianca 0

Eines Tages werden wir tot sein. Aber davor werden wir alt sein und all die Dinge bereuen, die wir nie getan haben. All die Träume betrauern, die wir nie gelebt haben. Das weisst Du. Das weiß ich.

Deshalb lesen wir Artikel und Bücher darüber. Oder Gedichte. Schreiben selbst welche. Geben Ratschläge, gerne ungefragt. Wir sind alle Meister des Darüber-Nachdenkens. Aber Stümper im Tun.
In ruhigen Minuten erfasst sie einen, die Erkenntnis. Ab jetzt soll alles anders werden! Dann geht man ins Bett, träumt die immer gleichen Träume, steht auf, beginnt den Tag mit den immer gleichen Ritualen und erzählt sich die immer gleichen Ausreden, warum es heute noch nicht geht.
Irgendwann, wer weiß.

Eine wahre Geschichte über Mut

Deshalb will ich heute nicht wieder etwas erzählen darüber, wie wichtig es ist, seine Zeit zu lieben. Du weißt das genau so gut wie ich. Lieber erzähle ich heute von einem Mann. Einem wahren Meister des Tuns.
Einem, der Geschichten erzählen kann wie aus einem Hollywoodfilm. Der noch vor wenigen Tagen Abenteuer erlebt hat, denen die meisten von uns sich nicht mal im Traum gewachsen fühlen würden.

Angst? Sicher. Darauf verzichten? Nein.

Der Mann ist Mein Großonkel. Er ist 77 Jahre alt. Er wurde in Köln geboren und wuchs dort auf. In armen, kriegsgeprägten Zeiten. Als junger Mann verließ er seine Heimat. Ging nach Hamburg, fuhr zur See. Ging in Vancouver in Kanada vor Anker. Verliebte sich in das, was er dort sah. Und blieb. Ohne die Sprache zu sprechen. Gelernt hatte er nichts, was ihm vor Ort hätte weiter helfen können. Aber er wusste, es gibt einen Weg für ihn. Er fand ihn. Er kam wirklich an in diesem fremden Land. Es wurde seine Heimat. Und er eroberte alles, was sie zu bieten hatte. Er macht es bis heute.

  • Er rudert in seinem Paddelboot hinaus aufs Meer und angelt. Nichts besonderes? Kommt darauf an. Er angelt dort, wo  auch Orkas ihre Bahnen ziehen. Sie tauchen neben seinem Boot auf, sie tauchen wieder ab. Ein Schlag mit der Flosse und sein Boot wäre Geschichte. Angst? Sicher. Darauf verzichten? Nein.
  • Er geht in die Wildnis. Allein. Ist zwei Wochen allein mitten im Nirgendwo. Kein Smartphone der Welt hat dort Empfang. Ein Funkgerät hat er dabei, aber das hat nur auf einem einzigen Berg in der Gegend Empfang. Angst? Sicher. Darauf verzichten? Nein.
  • Es gibt dort Bären. Wölfe. Füchse. Pumas. Nicht selten hat er morgens kreisförmig um sein Zelt herum frische Bärenspuren vorgefunden. Angst? Sicher. Darauf verzichten? Nein.

Naja, sagten alle seine Verwandten hier. Mag aufregend sein, aber er ist ein Einsiedler. So wollten sie nicht leben. Dabei hat er drüben mehr Freunde als irgendjemand aus meiner ganzen Familie hier. Sie meinten natürlich die Tatsache, dass er nicht verheiratet war. Das passte nicht in das Verständnis von Tradition meiner Familie. Nicht schlecht haben sie gestaunt, als er uns vor 10 Jahren seine Freundin präsentierte. Die beiden passten zueinander wie die Faust aufs Auge.

Vor fünf Jahren dann die Nachricht: Es wird geheiratet. Da war er 72. Erstaunt und kopfschüttelnd hier die Reaktionen. Warum denn jetzt noch heiraten? Sicher wegen der Altersversorgung…
Mag sein. Oder aber auch nicht – seine Freundin zog mit ihm hinaus in die Wildnis. Teilte seine Hobbys. Geheiratet wurde auf Bora Bora. Mit anschließender Kreuzfahrt Richtung Hawaii. Übrigens gerieten sie auf Bora Bora in einen Zyklon. Die Panik brach aus, die Fenster der Hütten wurden von aussen vernagelt. Aber nicht das an ihrer Hütte. Sie wollten sehen, was passierte. Sie sahen, wie der Zyklon Wellen aus dem Wasser schnitt und samt Fischen durch die Lüfte aufs Land beförderte. Sie sahen Palmen umknicken wie Streichhölzer.

Angst? Ganz bestimmt. Die meisten wären stinksauer, wenn so etwas ausgerechnet auf der Hochzeitsreise passierte. Die beiden nicht. Sie kamen beide mit heiler Haut heraus. Was könnte ein größeres Hochzeitsgeschenk sein? So sahen sie es jedenfalls.

Und die Naturgewalt beeindruckte meinen Onkel. Die Natur beeindruckt ihn sowieso immer wieder. So wie eigentlich alles um ihn herum ihn beeindruckt. Er begeistert sich für alles, ist offen für alles. Man hört ihn niemals meckern.

Übrigens konnte ich hören, wie er bei seinem Besuch hier mit seiner Frau in Kanada telefonierte. Ich kenne kaum jemanden, der auf diese Weise mit seinem Partner spricht. So liebevoll. So gut gelaunt. Von Vernunftehe keine Spur. Ganz im Gegenteil. Das, was die beiden miteinander er-leben, hat wirklich etwas mit LEBEN zu tun. Und dass er allein klar kommt, hat er bewiesen. Er BRAUCHTE seine Frau nicht. Er WOLLTE sie.

Er fährt Ski, er fährt Motorboot. Man könnte ihn für einen Aufschneider halten, aber das ist er nicht. Er ist eine ruhiger, kleiner, untersetzter Mann, viel zu schwer für seine Größe. Er redet nicht viel, aber wenn, dann hat er etwas zu sagen. Er belehrt niemanden. Niemals. Ich habe noch nie gehört, dass er irgendwem ungefragt Ratschläge gegeben hätte. Seine Geschichten erzählt er nur, wenn man ihn fragt. Er hat es nicht nötig, irgendwem etwas zu beweisen.

Er hat sich gefunden. Draußen, in der Wildnis. Auf See Auge in Auge mit den Orkas. In den Bergen. Am Strand. Beim Auswandern in ein fremdes Land. Ohne Sprachkenntnisse. Er hat jeden Job gemacht, den er bekommen konnte, und ja, zu Beginn hat er am Strand geschlafen. Aber egal, wie widrig die Umstande waren, er hat nie – niemals – aufgegeben.

Er erarbeitete sich eine Position, mit der er alt werden und in Rente gehen konnte. Er wurde zwar nie vermögend – aber reich. Reich an Wachstum, innerem Wachstum. Und mit jeder überwundenen Schwierigkeit besiegte er seine Angst und seine Zweifel, solange, bis sie ihn nicht mehr beherrschen konnten. Solange, bis ER sie beherrschte.

Es kann immer etwas schief gehen. Dann macht man das Beste daraus

Bei seinem jetzigen Besuch hier ging schon bei der Anreise alles schief. Flug verspätet, Koffer am Flughafen in Frankfurt verschollen. Dadurch den Zug Richtung Köln verpasst, wo wir am Bahnhof auf ihn warteten. Der Koffer fand sich irgendwann, ein anderer Zug auch. Der hielt nur nicht da, wo wir warteten. Voller Sorge drehten wir unsere Runden, riefen in Frankfurt an, die Passagierlisten durfte man uns nicht offenlegen, man sagte uns nur, eine Maschine aus Vancouver sei gelandet. Ob er an Bord war, wussten wir nicht. Er hatte kein Handy dabei, seine Frau in Kanada war nicht erreichbar. Ein alter Mann ganz auf sich gestellt!

Stunden warteten wir auf jeden Zug aus Frankfurt. Irgendwann fuhren wir heim zu meiner Oma – seiner Schwester, die natürlich aufgeregt auf ihn wartete. Und wer war schon ein paar Minuten vor uns dort? Mein Großonkel. Der „alte Mann“ sah keinen Tag älter aus als vor zehn Jahren. Müde war er. Aber regte er sich auf? Nein. Ganz relaxed sass er im Sessel, das Gesicht fast faltenfrei und entspannt.
Könne ja mal passieren, sagte er. Als er unsere Aufregung sah und unsere Empörung über: die Fluggesellschaft, die Bahn, das unfähige Personal, das Schicksal, ach überhaupt das Leben, versuchte er, sich aus Solidarität ein wenig mit uns aufzuregen. Es gelang ihm nicht. Mit einem kurzen Anruf stellte er nur sicher, dass sein „Kumpel“, auch ein ausgewanderter Deutscher der mit ihm zusammen geflogen war und von Frankfurt aus nach Regensburg noch mit dem Bus fahren musste, gut angekommen war. War er. Der Kumpel ist übrigens 90 und sitzt im Rollstuhl.

Seine Schwester – meine Oma – ist schon voller Hektik, wenn sie aus dem Vorort in die City fahren soll. Manchmal ist es schwer zu glauben, dass die beiden Geschwister sind. Aber das beweist: Mut dazu, den eigenen Träumen zu folgen, liegt nicht an der Erziehung. Es liegt nicht an den Genen. Denn beides teilen sie.

Es ist unser freier Wille, was wir aus unserem Leben machen. Der Preis ist die Angst, die Veränderungen mit sich bringen. Aber Angst ist glücklicherweise der einzige Preis im Leben, der gefühlt immer kleiner wird, je öfter wir bereit sind, ihn zu zahlen. Was sich am Anfang noch anfühlt wie ein riesiger, schwerer Geldbeutel, den wir hinlegen müssen, ist am Ende ein Penny, den wir gelassen auf die Theke schnippen. Bereit zu neuen Abenteuern.

Bianca

Autor: Bianca

Hi, ich bin Bianca und freue mich, dass Du hier bist. Bereits seit 2012 schreibe ich hier für Dich. Meine Themen sind Selbstverwirklichung, Selbstständigkeit & Marketing/ Positionierung für Solopreneure und kleine Teams. Aber auch gesunde Ernährung ist meine große Leidenschaft. Deshalb schreibe ich auch auf meinem Ernährungsblog Caralethics.de darüber.

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